Der Wolf und seine Frau


Dieses Märchen vermengt mehrere Märchen gleichzeitig. Das kann, muss aber nicht sein. Philipp Bobrowskis " Der Wolf und seine Frau", soll nur ein Beispiel sein, für die Art Märchen, die wir für die Ausschreibung suchen.


Es war einmal ein alter Wolf, den hatte sein Jagdglück verlassen. Als er den dritten Abend mit leerem Maul zu seiner Familie nach Hause kam, nahm ihn seine Frau beiseite.

 

„So kann es nicht weitergehen, Wolf!  Unsere Kinder haben leere Mägen und wenn du nicht bald Erfolg bei der Jagd hast, werden sie jämmerlich Hungers sterben!“

 

Der Wolf wusste, wie Recht seine Frau hatte, er war selber schon ganz traurig. „Was soll ich tun?  Ich gebe mir redlich Mühe, doch das Wild kennt meine Tricks und will sich nicht mehr fangen lassen.“

 

„Und doch brauchen deine drei Töchter etwas zwischen ihre jungen Zähne! Morgen gehst du zu den drei Schweinchen! Die werden sich leicht überlisten lassen.“

 

So machte sich der arme Wolf am nächsten Tag auf den Weg zu den drei Schweinchen.  Er musste nicht weit gehen, da traf er auf das Haus des Ersten.  Es war ein sehr robustes Haus, aus Stein gebaut, und der Wolf klopfte sogleich an die Tür. „Lass mich rein, kleines Schweinchen, meine Töchter haben Hunger und du kommst ihnen gerade recht!“

 

Da erscholl aus dem Haus ein höhnisches Gelächter.

 

„Lass ab, dummer Wolf!  Mich bekommen deine Töchter nicht! Reich bin ich, hab jede Menge Vorräte.  Mein Haus ist aus Stein, ich komme nicht raus und wenn ich’s nicht will, kannst du nicht hinein! Versuch’s bei meinem armen Bruder, den sollst du haben!“

 

Der Wolf sah ein, dass er sich hier vergeblich mühte, und ging weiter, um es bei dem zweiten Schweinchen zu versuchen.  Dieses wohnte in einem Haus, das aus Holz gebaut war. Wieder klopfte der Wolf an die Tür. „Lass mich rein, kleines Schweinchen, meine Töchter haben Hunger und du kommst ihnen gerade recht!“

 

Und wieder erscholl aus dem Haus Gelächter. „Lass ab, dummer Wolf!  Mich bekommen deine Töchter nicht!  Reich genug bin ich, dass ich für eine Weile versorgt bin.  Mein Haus ist aus Holz und du bist alt.  Dein Atem reicht nicht!  Versuch’s bei meinem armen Bruder, den sollst du haben!“

 

Der Wolf wollte sich so schnell nicht einschüchtern lassen und wagte einen Versuch.  Er stellte sich in die rechte Position und blies aus Leibeskräften. Doch mühte er sich vergeblich, bald schon schmerzten ihm die Lungen und er schüttelte sich in einem mächtigen Hustenanfall. Fast schon wollte er nach Hause zurückkehren, da besann er sich seiner Töchter.

 

„Ich muss stark sein für sie“, dachte er und machte sich auf den Weg zu dem dritten Schweinchen.  Dieses wohnte in einer ärmlichen Strohhütte und als der Wolf an die Tür pochte, stürzte das ganze Häuschen in sich zusammen.  Der Wolf freute sich, war er sich doch jetzt seines Erfolgs gewiss.  Da lag das arme Schweinchen, nackt und abgemagert, zitternd vor Angst und Kälte. Als er es so daliegen sah, ergriff den Wolf ein heftiges Mitleid, wusste er doch, dass selbst die zwei Brüder sich nicht um das arme Schweinchen kümmerten.  So verschonte er es und besorgte ihm Holz, um ihm beim Bau eines neuen Hauses zu helfen, das ihn schützen sollte.

 

Müde und hungrig kehrte er am Abend zu seiner Familie zurück. Gesenkten Hauptes trat er vor seine Frau und erzählte ihr von seinem Fehlschlag.

 

„Ein Rabenvater bist du!“, schallt sie ihn.  „Deine Töchter hungern und du hilfst deiner Beute beim Hausbau! Sie brauchen etwas zwischen ihre jungen Zähne! Morgen gehst du zu den sieben Geißlein! Ihre Mutter macht an diesem Tag Besorgungen.  Ich selbst habe schon ihre letzten Kinder überlistet. Du brauchst es mir nur gleichzutun.“

 

So machte sich der arme Wolf am nächsten Tag auf den Weg zu den sieben Geißlein.  Wie ihn seine Frau geheißen hatte, tunkte er seine Pfote in Mehl und fraß Kreide.

 

„Lasst mich ein Geißlein“, rief er, „ich bin eure Mutter.“

 

Kaum hatte er ausgesprochen, da flog die Tür auf und die Geißlein sprangen heraus, um ihre Mutter zu begrüßen. Als   sie den Wolf erkannten, stürmten sie ins Haus zurück, denn sie wollten sich verstecken.  Der Wolf aber kam ihnen hinterher, doch schon beim ersten Anblick der verschreckten Schar waren ihm wieder seine Töchter in den Sinn gekommen und er brachte es nicht übers Herz, einer alleinerziehenden Mutter ihre Kinder zu nehmen.  So verschonte er die Geißlein, betreute sie und spielte mit ihnen Verstecken.   Als die Mutter zurückkehrte, übergab er ihr sechs der Geißlein, das siebente und jüngste konnte er einfach nicht finden.  Bevor er sich auf den Heimweg machte, riet er der Mutter, die Geißlein sollten in Zukunft nur auf ein geheimes Wort hin öffnen.

 

Wieder kehrte er am Abend müde und hungrig zu seiner Familie zurück.  Gesenkten Hauptes trat er vor seine Frau und erzählte ihr von seinem Fehlschlag.   

 

„Ein Rabenvater bist du!“, schallt sie ihn erneut. „Deine Töchter hungern und du spielst mit deiner Beute Verstecken! Sie brauchen etwas zwischen ihre jungen Zähne! Morgen ist der Tag, an dem Rotkäppchen ihre Großmutter besuchen muss. Da kannst du ihr auflauern! Kehrst du morgen wieder mit leerem Maul heim, bist du nur noch zu einem nütze. Die Kinder müssen fressen!“

 

So machte sich der arme Wolf am nächsten Tag auf zu dem Weg, der zur Großmutter führte. Entschlossen legte er sich auf die Lauer, denn er wusste, dies war seine letzte Möglichkeit. Bald schon sah er das Mädchen mit der roten Kappe auftauchen.  Als er ihre Jugend erkannte, begann er zu zweifeln, ob seine Kraft und seine Schnelligkeit ausreichen würden. So besann er sich auf eine List, gab seine Deckung auf und setzte sich an den Wegrand. Als Rotkäppchen ihn erreichte, sprach er sie an.

 

„Hallo Rotkäppchen, wohin des Weges?“

 

„Zur Großmutter. Ich muss ihr einen Korb mit Kuchen und Wein bringen.“

 

„Willst du ihr nicht auch einen Strauß herrlicher Blumen bringen? Nicht weit von hier.“  „Was soll sie mit Blumen? Schlimm genug, dass ich den weiten

 

Weg gehen muss, um ihr all diese Leckereien zu bringen!  Außerdem kenne ich dich.  Du bist der Wolf! Und was könntest du anderes vorhaben, als mich zu fressen.  Nein, darauf falle ich nicht herein.  Du bist ein Wolf, doch ich bin ein Menschenkind!  Solltest du mir etwas antun, wird man mich vermissen und Jagd auf dich und deine Brut machen.   Wie schön machte sich dein Fell in unserer Stube!“

 

Der Wolf fühlte sich ertappt und Rotkäppchens Drohungen machten ihm Angst. So brach er in ein jämmerliches Geheul aus.

 

„Aber was soll ich denn tun?  Meine drei Töchter sind nun den sechsten Tag ohne jedes Mahl. Bringe ich ihnen heute nichts, müssen sie verhungern oder meine Frau ...“

 

Er konnte es gar nicht aussprechen. Doch Rotkäppchen blieb ungerührt.

 

„Was gehen mich deine Blagen und deine Frau an? Doch könntest du mir helfen. Geh zu Großmutters Haus und friss die alte Frau.   Sie wird niemand vermissen und ich muss sie nicht mehr versorgen.“

 

Da beruhigte sich der Wolf, schien ihm doch der Vorschlag Rotkäppchens eine gute Idee. Er ließ sich den Weg erklären und machte sich auf zum Hause der Großmutter.

 

  Die Großmutter lag einsam in ihrem Bett und litt unter starkem Husten. Wieder erfasste den Wolf Mitleid und er kochte der alten Frau zunächst einen Tee. Er brachte ihn der Kranken und setzte sich zu ihr ans Bett.  Als die Großmutter ein wenig getrunken hatte, betrachtete sie den Wolf genauer.

 

„Was bedrückt dich, guter Wolf?  Ich sehe doch, dass du Sorgen hast.“

 

Da konnte der Wolf nicht anders, erzählte dem Mütterchen von seinen Töchtern und seiner Frau und klagte unter heftigem Schluchzen sein Leid. Gerührt hörte sich die Großmutter die Geschichte des Wolfes an. „Du bist ein guter Wolf und ich fürchte, ich weiß, wo dein Problem liegt. So frage ich dich, was sitzt du hier herum und erzählst mir von deinen Töchtern? Davon werden sie nicht satt!“

 

Der Wolf aber fühlte sich an seine Frau erinnert und die Furcht, ein weiteres Mal erfolglos heimzukehren, trieb ihn aus dem Haus der Großmutter und immer tiefer in den Wald.

 

Bald schon kannte er sich nicht mehr aus und als der Tag sich dem Ende neigte, war er sicher, er würde den Weg nach Hause nie mehr finden. Da meinte er zwischen den Bäumen ein Licht zu sehen und in seiner Verzweiflung hielt er darauf zu. So kam er zu einem Haus, das ganz aus Lebkuchen und anderen Leckereien erbaut war, die freilich den Wolf nicht sonderlich beeindruckten. Vorsichtig klopfte er an die Tür, erhielt aber keine Antwort.  Doch weil er die Tür nur angelehnt fand, trat er schließlich ein.  Er kam gerade zur rechten Zeit, um einen Mann und eine Frau zu stellen, die eben versuchten, eine hilflose Alte in den brennenden Ofen zu stoßen. Der Wolf dachte nicht lange nach und fiel die beiden an. Dabei knurrte er und fletschte die Zähne, dass allein schon sein Anblick die beiden Menschen in Furcht versetzte. Verletzt und geschlagen stürmten sie schließlich aus dem Haus und flüchteten in den Wald. Die Alte aber dankte dem Wolf.  „Du bist gerade zur rechten Zeit gekommen. Dieser Hans und diese Grete kamen aus der Stadt um mir mein Lebkuchenrezept zu stehlen. Denn meine Lebkuchen sind die besten und wenn du nicht ein Wolf wärest, würde ich dir zum Dank bis an dein Lebensende welche backen. Wie aber kann ich es dir vergelten?“

 

Da erzählte der Wolf auch der Alten seine Geschichte. Als er geendet hatte, war diese sehr nachdenklich. „Du bist tatsächlich ein guter Wolf.“

 

„Oh, gäbe es nur einen Zauber, der mich wieder jung und stark machte.“

 

„Einen solchen Zauber gibt es“, sprach die Alte. „Doch Jugend und Stärke würden dir wenig nützen. Du hast noch etwas ganz anderes verloren! Ich werde dir helfen und dir den rechten Weg nach Hause weisen. Verzweifle nicht, denn der Weg führt auch zu dir selbst.“ Tatsächlich schienen die Pfoten des Wolfs nun allein den richtigen Weg zu finden.

 

Doch wenn er an Daheim dachte, fand er auch in den Worten der Alten wenig Trost.  Er hatte sein Haus fast erreicht, da hörte er ein Geräusch im Gebüsch. Er verharrte, spitzte die Ohren und witterte in die kalte Nachtluft. Er roch einen Hasen und das Wasser lief ihm im Maul zusammen.

 

In dieser Nacht war der Hunger der jungen Wölfinnen vorbei. Und von nun an brachte der Wolf wieder täglich gute Beute heim. Seine Töchter wuchsen zu kräftigen Wölfen heran und bald schon jagten sie mit ihren Eltern im Rudel. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann jagen sie noch heute, wie es der Wölfe Natur ist.